Tokajew und Selenskyj erörtern die Zukunft der Ukraine: Schnittpunkte mit der Position Berlins
Von Vitaliy Koltochnik, Vizepräsident des Zentrums für Volksdiplomatie Kasachstans, internationaler Politikanalyst
In den letzten Jahren entwickelt sich die internationale Politik vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen. Eine Krise jagt die nächste, und die Gefahr eines groß angelegten Konflikts ist längst keine abstrakte Hypothese mehr. In dieser Lage gewinnen Führungspersönlichkeiten an Bedeutung, die nicht nur reagieren, sondern eine konstruktive, friedensorientierte Agenda gestalten können.
Präsident Kasachstans, Kassym-Schomart Tokajew, und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz gehören zu dieser Kategorie von Politikern. Für beide ist die Ukraine-Frage nicht nur ein Konfliktherd, sondern auch eine Chance, internationales Recht zu stärken und die Diplomatie als wirksames Instrument zu beweisen.
Ein Gespräch mit klarer Botschaft
Am 10. August 2025 führte Präsident Tokajew ein Telefongespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Dieses Gespräch war kein reiner Höflichkeitsakt, sondern e
in bewusst gesetztes Signal – nur wenige Tage vor dem geplanten Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin am 15. August in Alaska, bei dem die Zukunft der Ukraine, einschließlich der Frage ihrer territorialen Integrität, diskutiert werden soll.
Selenskyj wandte sich an Tokajew, weil dieser in der internationalen Politik als glaubwürdiger Vermittler gilt – ein Staatsmann, der mit allen Akteuren auf Augenhöhe sprechen kann und gleichzeitig an den Grundsätzen von Gerechtigkeit und Völkerrecht festhält.
Die wichtigsten Gesprächspunkte
- Erhalt der ukrainischen Staatlichkeit und internationale Garantien
Tokajew betonte, dass der Erhalt der ukrainischen Staatlichkeit oberste Priorität habe. Ein dauerhafter Frieden müsse auf den Prinzipien des Völkerrechts beruhen und durch verbindliche internationale Sicherheitsgarantien gestützt werden. - Respekt vor der Kultur und Geschichte des ukrainischen Volkes
Er unterstrich, dass die Kasachen dem ukrainischen Volk, seiner Kultur, Sprache und Geschichte großen Respekt entgegenbringen und dass dieser Respekt in konkreten Schritten zur friedlichen Konfliktlösung sichtbar werden müsse. - Gefahr der Assimilation und territorialen Teilung
Selenskyj warnte, dass es einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen würde, wenn ein unabhängiger Staat wie die Ukraine auf rein territoriale Verhandlungsmasse reduziert würde. - Koordination mit westlichen Partnern
Der ukrainische Präsident informierte Tokajew über seine Abstimmungen mit westlichen Partnern, einschließlich der USA und Europas, und betonte, dass eine einheitliche Position entstehe: Der Frieden müsse verlässlich sein und so bald wie möglich eintreten. - Russlands taktisches Vorgehen
Selenskyj wies darauf hin, dass Russland die Kampfhandlungen bewusst in die Länge zieht, um vorteilhafte Positionen am Boden zu sichern und künftige Angriffe vorzubereiten. - Fortsetzung der bilateralen Zusammenarbeit
Beide Seiten vereinbarten, den politischen, wirtschaftlichen und humanitären Dialog zwischen Kasachstan und der Ukraine weiter zu intensivieren.
Gemeinsame Positionen von Astana und Berlin
Kasachstan und Deutschland sind sich in einem zentralen Punkt einig: Ein eingefrorener Konflikt ist keine Lösung. Jeder Friedensvertrag muss stabil, gerecht und mit Zustimmung Kiews geschlossen werden. Für Tokajew wie für Merz bedeutet Frieden nicht eine bloße Pause der Kampfhandlungen, sondern eine langfristige Lösung, die eine Wiederholung der Aggression ausschließt.
Deutschland stützt sich dabei auf EU-, NATO- und G7-Mechanismen, während Kasachstan eine flexible Neutralitätspolitik verfolgt und den Dialog mit beiden Seiten aufrechterhält. Ziel beider ist es, die Aggression zu beenden, den internationalen Rechtsrahmen zu wahren und gewaltsame Grenzverschiebungen zu verhindern.
Sanktionen, Diplomatie und Sicherheit
Bundeskanzler Merz setzt sich für eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland ein und sucht deren globale Koordinierung, insbesondere mit den USA. Kasachstan beteiligt sich zwar nicht direkt an Sanktionen, unternimmt jedoch Maßnahmen, um deren Umgehung zu verhindern.
Im Bereich der Sicherheit unterstützt Deutschland langfristige Sicherheitsgarantien für die Ukraine, während Kasachstan die Einrichtung eines international anerkannten Mechanismus fordert, der unabhängig von politischen Stimmungen den ukrainischen Souveränitätsschutz gewährleistet.
Nachhaltige Entwicklung als gemeinsames Ziel
Beide Länder sehen den Frieden als untrennbar mit nachhaltiger Entwicklung verbunden. Deutschland treibt erneuerbare Energien, Wasserstofftechnologien und die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen voran. Kasachstan verfolgt ähnliche Ziele durch den Ausbau der Transkaspischen Route, Investitionen in erneuerbare Energien und die Diversifizierung seiner Exportwege.
Kasachstan und Deutschland – Partner für eine gerechte Weltordnung
Die Annäherung der Ansätze von Astana und Berlin in der Ukraine-Frage eröffnet neue Perspektiven für eine strategische Partnerschaft. Kasachstan kann als Brücke zwischen Ost und West agieren, während Deutschland dem Prozess internationales Gewicht und Ressourcen verleiht.
Das Telefonat zwischen Tokajew und Selenskyj war mehr als ein diplomatischer Austausch – es war ein Signal, dass Kasachstan bereits aktiv an der Suche nach einer Friedensformel beteiligt ist. Diese Formel deckt sich in wesentlichen Punkten mit der Position Deutschlands: Der Frieden muss gerecht, völkerrechtlich abgesichert und gegen künftige Herausforderungen gefestigt sein.